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Die Linke und die Religion

Ein gerade wieder aktueller Streit zeigt, dass wir uns dazu etwas mehr Gedanken machen sollten.

Freitag 16. März 2018, von mond


Vorne weg: ich bin Atheist wurde aber katholisch-christlich erzogen und bin erst relativ spät erst von der Kirche ausgetreten. Wo ich das meiste was dort erzählt wird für dummen Hokus-Pokus gehalten habe, hatte ich immer auch Resekt für das soziale Engagment. Viele der Geschichten, vor allem aus dem neuen Testament, regen zum Nachdenken darüber an wie unser soziales Zusammenleben gestaltet werden soll. Auch wenn der Kern aller Religionen völlig absurd ist, so leisten sie doch auch einen Beitrag zur Diskussion über weltliche Politik: Wie soll unsere Gesellschaft funktionieren?

Später habe ich mich mit der extrem rechten Opus-Dei Sekte (offiziell Teil der katolischen Kirche) beschäftigt. Insbesondere da wurde mir auch sehr klar, dass dieser Teil der Religion (Vermittlung gesellschaftlicher Normen) auch extrem negativ sein kann. Was auf weltlicher Seite als faschistische Ideologie geschaffen wurde hat das Opus-Dei in Glaubenssätze umgewandelt.

Das war auch der Zeitpunkt für den Austritt: Den absurden Hokus-Pokus hätte ich ignorieren können. Die gesllschaftlichen Auswirkugen aber nicht.

Vor diesem Hintergrund meine Überlegungen

Linke machen es sich leicht. "Das Opum des Volkes" und "Die Blume an der Kette" nennt Marx die Religionen. Wenn die bestehenden Gesellschaftlichen Verhältnisse unerträglich sind, flüchten sich die Menschen in die Hoffnung auf Jenseitiges Glück und transzendentale Gerechtigkeit. Das ist ein Aspekt des ganzen. Gerade wir Linke argumentieren gerne für die Freigabe von Drogen. Warum sollten wir den Menschen nicht auch ein wenig Trost durch das Opium der Religion gönnen? Das widerspricht sich nicht mit der daneben notwendigen politischen Aufklärung über die tatsächlichen Verhältnisse und die notwendigen Veränderungen.

Das eigentliche Problem ist eher: Religionen bieten Regeln für unsere gesellschaftliches Zusammenleben, leiten diese Regeln aber meist nicht ab sondern präsentieren vieles als Dogmen. Selbst wenn die Regeln richtig wären, würde das die Menschen davon abhalten zu verstehen warum diese notwendig und sinnvoll sind. Dort wo die Regeln falsch sind (Wie im Falle von Opus-Dei oder bei vielen alten Regeln die auf Grund geänderter Umstände schon lange obsolet sind) ist es nochmal schlimmer: Die Menschen tun das falsche und werden noch dazu angehalten dies nicht zu hinterfragen.

Das ist wohl der wichtigste Kritikpunkt an Religion: Nachdenken wird ausgeschalten und unterbunden. Wem man den ganzen absurden Hokus-Pokus glaubhaft einreden kann, dem/der kann man auch alle Regeln für unser Zusammenleben einreden. Manche davon ebenso absurd, manche zufällig auch richtig.

Dinge in Frage zu stellen ist wohl das allerwichtigste im Kampf gegen das herrschende System. Gerade auch weil der Kapitalismus schon so lange unser Denken prägt ist es notwendig zu versuchen aus dieser Ideologie auszubrechen: Den "Hausverstand" in Frage stellen. Die Religionen sind hier einerseits nicht hilfreich, andererseits: Gerade aus der Tatsache, dass die Regeln hier hunderte und tausende Jahre alt sind und oft nicht ins zeitgeistige Weltbild passen ergibt sich zumindest ein Anlass zum nachdenken.

Sieht man sich die aktuelle gesellschaftliche Situation an, in der die Politik von Angst, Hass und Neid bestimmt wird, wünscht man sich manchmal eine Religion die dagegen auftritt. Können die Menschen die dumm genug sind sich hier aufhetzen zu lassen nicht wenigstens auch dumm genug sein einer Religion zu folgen die sie dagegen immunisiert?

Wie es scheint nicht. Alle Religionen hätten im Kern viele positive Dinge die zu so einer "immunisierung" beitragen könnten. Aber ganz offensichtlich wirkt diese nicht. Die Leute gehen brav jeden Sonntag in die Kirche und wählen trozdem FPÖ oder ÖVP und hetzten gegen Flüchtlinge. Auch wenn das, selbst für Aussenstehende, in ganz offensichtlichem Widerspruch zu zentralen christlichen Glaubensbotschaften steht.

Das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, die industrielle Ermordung von 6 Millionen Menschen, hat sich in unserer westlichen, "aufgeklärten", "christlichen" "Kultur" ereignen können.

Der Islam

Seit Jahren werden die Menschen, von den rechten und rechtsextremen Parteien und den kleinformatigen rechtsextremen Medien, gegen MigrantInnen aufgehetzt. Die Hetzte ist inzwischen auch in der Linken angekommen. Üblicherweise gesteht man sich dort nicht unbedingt gerne ein, ein Rassist zu sei. Insofern wird der Rassismus dort oft und gerne hinter einer Kritik an der Religion der MigrantInnen verborgen.

Nicht jede Kritik an der islamischen Religion ist Rassismus - aber 99% aller RassistInnen in Österreich sind inzwischen zu "IslamkritikerInnen" geworden.

Rassismus baut Stereotype auf: Einige davon werden biologistisch begründet "von Natur aus gewalttätiger", die meisten aber "kulturel". "Die kommen aus einem anderen Kulturkreis", wurden "anders erzogen", etc,.. Religion passt hier sehr gut ins rassistische Konzept um die "kulturellen Unterschiede" zu "erklären" und zu "begründen".

Wer also meint, sich heutzutage mit der Kritik am Islam hervortun zu müssen, muss sich dessen bewusst sein, unweigerlich den RassistInnen in die Hände zu spielen. Gut zu sehen in den Kommentaren von Hans Rauscher im Standard. Ein Paradebeispiel für den Rassismus der sich hinter "Religionskritik" versteckt. Die Kommentare im dazu gehörigen Forum sprechen dann ebenfalls Bände.

Und an alle "deren Kultur ist nicht kompatibel mit unserer": Ich erinnere nochmal daran, dass es "unsere", westliche, "aufgeklärte", "christliche" Kultur war die für das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte verantwortlich zeichnet.

Dass diese Form des Rassismus dann noch extrem kontraproduktiv ist ist klar: Wer aufgrund seiner Religion von dieser Gesellschaft ausgeschlossen wird, wird sich auf gerade genau diesen Teil der persönlichen Identität zurückziehen, bzw. was er oder sie davon kennt: Die schlechte Karikatur dieser Religion als Jihadismus. Diese Form der "Religionskritik" wirkt als selbsterfüllende Prophezeiung.

Als Linke müssen wir uns daher solidarisch auf die Seite der diskriminierten MoslimInnen stellen. Dass heisst nicht, dass wir den Religionen insgesamt gut finden müssen und auch nicht dass wir besondere Sympathien für den Islam haben sollten. Unsere Solidarität mit den MuslimInnen sollte eine solidarische, aber nüchterne Kritik von Religion miteinschliessen. Eine Kritik die die "guten Ansätze" für gesellschafltiches Miteinander anerkennt aber auch die Problem, siehe oben, anpsrechen.

Alles in Frage stellen ist ein Wert an sich.

Religionen sind hier schlecht, auch wenn man dem Christentum zu Gute halten muss, dass die meisten Lehren aus dem Neuen Testament in Form von Parabelen daher kommen: Also nicht einfache Dogmen sind, sondern die ZuhörerInnen auch zum selbst nachdenken bewegen sollten. Etwas das die Kirche dann 2000 Jahre lang versucht hat zu unterdrücken.

Bei Brecht haben wir den Versuch einer marxistischen Ethik: Zu versuchen, alle "Du Schwein" Sätze durch "Du Ochs" zu ersetzen. Also nicht in un-hinterfragten Moralvorstellungen zu verharren, sondern zu versuchen, diese durch Logik und Rationalität neu zu begründen. Wo das nicht möglich ist, weil die Verhältnisse heute ganz andere sind, sollten die alten "Du Schwein" Sätze fallen gelassen werden.

Dabei bleibt natürlich die Frage offen: Welcher Masstab dient zur Bewertung ob etwas dann als gelungen oder nicht eingestuft werden kann. Damit kommen wir letztlich an einen Punkt wo die Regeln nicht mehr weiter durch Logik erklärbar sind sondern wir, in der Mathematik würden wir es Axiome nenen, sie als gegeben hinnehmen müssen. In diesem Falle sind das Humanismus. Die Verbesserung der materiellen Bedingungen der Menschheit und unserer eigenen.

„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

Dieser Humanismus ist bei weiten nicht "common sense". In einer kapitalistischen Welt in der Krieg, Gewalt und Zerstörung die letzten verbliebenen Wachstumsmärkte sind, ist dieser zum Wettbewerbsnachteil geworden. Ein Großteil der Polemik gegen "Gutemenschen" ist darauf gerichtet unsere Menschlichkeit zu zerstören.

Dort wo Religion hilft diese unabdingbare Grundlage aller Linker Politik wieder zu verbreiten muss sie uns mehr als willkommen sein.

Ja, man kann aufzeigen, dass der Kapitalismus für 99%, 99.9% und im Grunde für 100% der Bevölkerung schlecht ist. Dass es in unser aller Interesse wäre ihn abzuschaffen. Aber wenn die Menschen nicht ihre Interessen verfolgen sondern vor allem den Hass auf andere ausleben wollen. Wenn es das wichtiger ist, dass es anderen schlechter geht, als das einem selber und uns allen besser geht, dann helfen Argumente nicht mehr.

Ein anders praktische Problem ist die hohe Komplexität unserer Gesellschaft: Die macht es natürlich extrem schwierig in jedem Augenblick ableiten zu können, wie die richtige Entscheidung aussehen müsste. Sich zumindest temporär einige Handlungsmaximen zurecht zu legen ist wohl unabdingbar aber es besteht immer die Gefahr im konkreten Falle das falsche zu tun.

Das ist wohl einer der Faktoren die Religion gerade auch unter sensiblen und intelligenten Menschen attraktiv macht: Man bekommt dort recht einfach die Absolution: Weil man ja auf der "richtigen" Seite kämpft. Immerhin "für Gott" und einen vorgegeben Katalog an Verhaltensregeln hat kann man/frau viel von der Verantwortung abgeben. Das macht das Leben wieder einfach. Das ist die Form der Religion die wir kritisieren müssen: Religion als Verantwortungslosigkeit.

März 2018, Franz Schäfer (Mond)

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