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Vendor-Lockin und die digitalen Wegelagerer

Sonnabend 1. Juli 2006, von mond

Die Sonntagsausflüge in meiner Kindheit ging oft in die nahe gelegene Wachau. Die Burgen dort stellten eine ganz besondere Faszination für uns dar. Noch mehr die Geschichten die sich um diese rankten. So sollen die Kuenringer dort davon gelebt haben, dass sie von den vorbeifahrenden Donauschiffen "Wegzoll" abgepresst haben. Von einer Kette die über die Donau gespannt werden konnte war da die Rede. Die dunklen Zeiten des Mittelalters sind heute vorbei, aber die "Geschäftspraktiken" der Raubritter sind im neoliberalen Kapitalismus die Norm und nicht mehr nur die Ausnahme.

Einige Beispiele: Wer ein Handy kauft bekommt meist eines, das "gesperrt" ist, als nur mit den SIM-Karten eines bestimmten Handyproviders zusammenspielt. So hoffen die Provider die Kunden möglichst an sich binden und nach einer Zeit billiger Lockangebote die KundInnen ein wenig melken zu können. Handy "entsperren" ist allerings noch möglich, wenn auch oft mühsam und nicht immer billig. Wer einen billigen Tinkenstrahldrucker kauft muß für die Ersatztintenpatronen teuer bezahlen. Inzwischen sind einige Druckerhersteller auf die Idee gekommen ihre Ersatzpatronen mit eim Code auszustatten der es dem Drucker erlaubt zu überprüfen ob auch wirklich Originalpatronen eingelegt wurden. Solche Abhängigkeitsverhältnisse gibt es hier bei Software noch viel mehr. Wer viele wichtige Dateien in einem Format abgespeichert hat, das nur von einem Programm geöffnet werden kann, der/die ist angwiesen früher oder später die Nachfolgeversionen genau dieses Programmes zu kaufen, da konkurierende Produkte oder Freie Software dieses Format nicht öffnen können. Wir sprechen hier von "proprietären" (herstellerabhängigen) Dateiformaten. Entweder hat der Hersteller das Format bewusst nicht offen gelegt oder möglicherweise bewusst verschlüsselt um es anderen schwer zu machen die Daten wieder aus diesem Format heraus zu bekommen. So können diese digitalen Wegelagerer, neben der "ganz normalen" Ausbeutung ihrer Arbeiter noch satte Extraprofite einfahren. Es handelt sich dabei nicht um einige schwarze Schafe, sondern diese Art Gewinn zu machen ist allgemein üblich.

Der Internettelephonie Hersteller Skype hat sein Übertragungsformat z.B. bewusst Verschlüsselt um KundInnen an das eigene Produkt zu binden. Pikantes Detail dazu am Rande: Die EU-Kommission hat diese Art der Monopolbildung auch noch direkt mitfinanziert.

Mit so genannter "freier Marktwirtschaft" hat das ganze natürlich wenig zu tun. Aber die "freie Marktwirtschaft" schreiben sich die Unternehmen nur so lange auf ihre Fahnen, solange sie ihnen Nützt. Wenn die Profite stimmen werden solche Dogmen auch gerne wieder über Bord geworfen. So schlittern wir vom neoliberalen Kapitalismus, der die Konzerne erst so richtig gross gemacht hat, direkt in die Phase der Konzerndiktatur. Dabei ist aber die Monopolisierung ureigenstes Prinzip des Kapitalismus:

„Alles, was nicht monopolisiert werden kann, hat keinen Wert, sagt der Ökonom - ein Satz, den wir später näher untersuchen werden. Wenn wir sagen, hat keinen PREIS, so ist der Satz richtig für den auf dem Privateigentum beruhenden Zustand. Wäre der Boden so leicht zu haben wie die Luft, so würde kein Mensch Grundzins bezahlen.“ — F. Engels MEW1:499

Eine ähnliche Form des digitalen Raubrittertums wird durch Patente geschaffen. Firmen patentieren wichtige, oft auch sehr triviale Schlüsseltechnologien und versuchen damit kräftig abzuzocken. Software Patente sind dabei nur die Spizte des Eisberges. Auch im Bereich der Biotechnologie greifen die Agro- und Pharmakonzerne das Prinzip Geschäftsmodell der Wegelagerer gerne auf. Mittels so genannter "Terminatortechnologie" soll verhindert werden, dass Bauern die Samen der Pflanzen das nächste Jahr wieder anbauen können. Spritzmittel und das gentechnisch veränderte Saatgut werden aufeinander abgestimmt, so dass alle aus einer Hand bezogen werden muss. etc. etc...

Auf der Seite der Software- und Medienkonzerne sollen proprietäre Dateiformate jetzt zum allgemeinen Prinzip erhoben werden. Bei so genanntem "Digital Rights Management" (eigentlich eher ein "Restrictions Management") werden Daten generell so verschlüsselt, dass nur noch der Hersteller die Kontrolle darüber hat was die KonsumentInnen entschlüsseln dürfen. Das ist keien Zukunftsmusik sondern z.B. im iTunes/iPod System von Appel schon realisiert. Dabei sind die Hersteller allerdings darauf bedacht die Schraube immer nur sehr langsam zuzudrehen, damit der Aufstand der KonsumentInnen sich in definierten Grenzen hält. Aber Schritt um Schritt wird die DRM Schraube zugedreht. Hardware (so wie etwa Microsofts X-Box) die nur noch ein bestimmtes Betriebsystem startet, welches nur noch mit "vertrauenswürdiger" Hardware zusammenarbeitet (Siehe z.B. das Druckerpatronen Schema, Siehe Razor and blades business model). Am Ende dieser Entwicklung steht die totale Kontrolle einiger Megakonzerne über jegliche Art der Informationsverarbeitung. 1984 kommt erst noch. Notwendig wäre eine, relativ einfach zu machende, gesetzliche Verpflichtung für alle Hersteller ihre Dateiformate und Übertragungsprotokolle, etc.. offen zu legen. Noch besser natürliche eine Verpflichtung auch allen Source-Code und sonstige Baupläne, Rezepturen und Verfahren offen zu legen.

Franz Schäfer, Juli 2006

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