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Verschwörungstheorien und warum sie problematisch sind

Sonnabend 7. September 2019, von mond


Seit dem Fall rund um den Jeffrey Epstein haben Verschwörungstheorien wieder Hochkonjunktur. Generell sind viele Menschen die jetzt erkennen, dass sehr viel in der Welt schief läuft der Meinung, dass da wohl “üble Machenschaften” dahinter stecken müssen. Wie sonst könnte es zu all dem Wahnsinn kommen der da abläuft?

Tatsächlich gibt es Verschwörungen. Wer vor wenigen Monaten noch behauptet hat es gäbe da einen Pedophilenring mit Verbindung zu den Clintons ist als Verbreiter von absurden Verschwörungstheorien belächelt worden. Heute wissen wir, dass es wohl diesen Ring gab und auch dass es die eine oder andere Verbindung zu Bill Clinton gab, ist wahrscheinlich. Sollten wir also die VerschwörungstheoretikerInnen ernster nehmen? Nein. Hier eine Erklärung warum:

Wie gesagt: Es gibt Verschwörungen. Und wie Marx sagt: “An allem ist zu zweifeln!” Insofern ist es immer auch gut alles in Frage zu stellen was uns als Wahrheit verkauft wird. Ja es gab viele "False Flag" Operationen in der Geschichte. Und es gibt reiche Menschen die sich mit ihrem Geld politischen Einfluss erkaufen und üble Propaganda verbreiten. etc.. Es spricht überhaupt nichts dagegen zu Zweifeln. Aber wer zweifelt muss auch die Aufgestellten Theorien selbstkritisch hinterfragen und ihre tatsächliche Wahrscheinlichkeit beurteilen können. Könnte die Mondlandung ein Fake gewesen sein? Ja schon, aber wie wahrscheinlich ist es dass die hundert tausenden Menschen die daran gearbeitet alle dicht gehalten hätten? Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null.

Gut, was ist dann wirklich das Problem mit Verschwörungstheorien? Es sind vor allem drei Probleme:

  • Der Blick auf die Echten Probleme wird verstellt
  • Falsche Erklärungen führen zu falschen Maßnahmen
  • Menschen werden leichter manipulierbar

1. Der Blick auf die echten Probleme wird verstellt.

Vor unseren Augen läuft ein ungeheuerlicher Wahnsinn ab. Wir ruinieren unseren Planeten. Wir geben Unsummen für Krieg und Zerstörung aus. 10 Millionen Menschen verhungern jedes Jahr. Wir ziehen Grenzzäune hoch und lassen die Menschen im Mittelmeer ersaufen. Etc, etc.. Und die meisten von Uns arbeiten für dieses System. Wir alle sind ein mehr oder weniger kleines Rädchen in diesem Uhrwerk und wir tragen ein klein wenig dazu bei, dass das alles so bleibt. Wir sind vielleicht PolizistInnen die das System beschützen. Oder wir sind AbteilungsleiterInnen und helfen mit den Willen des Chefs den Angestellten aufzuzwingen. Oder wir sind Chef und müssen sich, dank des Konkurrenzdruckes immer neue und absurdere Wege die Firma über Wasser zu halten. Oder wir haben in eine private Vorsorge investiert, die wiederum ihr Geld in Aktien anlegt und jemanden dafür bezahlt das Portfolio möglichst gewinnbringend zu Managen. Oder wir arbeiten in der Werbung und investieren unsere Kreativität in immer neue Methoden um den Menschen einzureden, dass sie Klumpert kaufen sollen, das sie nicht brauchen. Etc. All dies spielt sich direkt vor unseren Augen ab und oft auch mit unserer eigene Beteiligung. Viele von uns haben auch wenig Möglichkeiten an diesem System nicht beteiligt zu sein. Es gib kein Richtiges im Falschen (Adorno).

All das sollte uns zu tiefst empören. All das sollte uns extrem wütend machen. All unsere Gedanken sollten wir darauf konzentrieren wie dieses System zu überwinden wäre. Aber das tun wir nicht. Weil wir so in diesem System gefangen sind dass wir es gar nicht mehr als Problem wahr nehmen. Wir sehen den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht. Für viele Menschen ist die destruktive Mechanik, obwohl sie direkt vor unseren Augen abläuft, nicht erkennbar. Für manche erscheint sie auch auch zu banal. Wie kann es sein dass Millionen Menschen verhungern, wo wir doch alle nur "brav unsere Arbeit" machen.

Und natürlich gibt es in diesem System dennoch oben drauf und mitten drinnen durchaus auch Verschwörungen. Um den Irak-Krieg zu rechtfertigen wurden Massenvernichtungswaffen herbeigelogen. Das ist bekannt. Ist keine Verschwörung weil gut belegt und von alle zugegeben. Dass es in der einen oder anderen Weise irgend welche Vorwände geben musste, für einen Krieg von dem so viele profitieren konnten war klar. Aber Krieg und Zerstörung sind hier nicht ursächlich einer Verschwörung geschuldet sondern vom genau diesem banalen System hervorgebracht: “Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.” — Jean Jaurès (1859-1914)

Unsere wichtigste Aufgabe als Linke ist es genau dieses System zu bekämpfen. Voraussetzung dafür dass dies gelingt ist, dass genug Menschen die inneren Zusammenhänge verstehen.

Vielleicht ist die Ursache dafür dass die Menschen das Problem in Personen und nicht im System suchen auch die christliche/religiöse Erziehung.

Das zweite Problem mit den Verschwörungstheorien:

2. Menschliches “Fehlverhalten” wird als Ursache ausgemacht

Wer meint, dass das es vor allem Verschwörungen das zentrale Problem sind, der/die macht vor allem die VerschwörerInnen verantwortlich. Das Problem ist dann nicht mehr Kritik am System sondern vor allem Kritik am “unmoralischen” Verhalten. In diesem Falle nicht nur Kritik am “Fehlverhalten” von einzelnen sondern von ganzen Gruppen. Neben durchaus sinnvollen Forderungen nach mehr Transparenz führt diese falsche Ursache auch zu falschen “Lösungsansätzen”:

Mit dem Fokus aus das menschliche Verhalten wird es wohl zu einer Forderung nach mehr “Moral” führen. (siehe auch: Brauchen wir ehrliche und integre PolitikerInnen?, Ist der Mensch zu schlecht für den Kapitalismus?, .. ). Womit wir in Richtung autoritärer Politik unterwegs sind. Politik die dem Menschen vorschreiben will wie er zu sein hat. Es sollte daher nicht verwundern dass Faschismus oft gemeinsam mit Religon daher kommt (Spanien, Italien, Austrofaschismus, ...). Die falsche Antwort auf die falsche Analyse ist also: Die Menschen zu verändern. Und falls das nicht möglich ist: Die Vernichtung dieser Menschen. Siehe NS. Die Nazis machten die JüdInnen für die Probleme des Kapitalismus verantwortlich. Aber in der selben Logik können auch andere als Sündenböcke eingesetzt werden. Wir sprechen von “strukturellem Antisemitismus”. Auch heute tauchen in den Verschwörungstheorien auch direkt antisemitische Versatzstücke auf. Man denke nur an alles was über George Soros fantasiert wird. „Der Antisemitismus ist das Gerücht über den Juden.“ (Adorno)

3. Mit Verschwörungstheorien lassen sich Menschen trefflich Manipulieren

Wer sich mal angewohnt hat überall eine Verschwörung zu vermuten, egal wie unwahrscheinlich diese ist, der/die ist dann natürlich empfänglich für alle möglichen Signale die in Richtung Verschwörung deuten. Und so etwas lässt sich, wie wir die letzten Jahre gesehen haben, sehr gut ausnützen. Da wurden die aller absurdesten Gerüchte über gefüchtete Menschen verbreitet und die Menschen haben diese zigtausendfach in den Social Media Plattformen geteilt. Manche dieser Gerüchte sind vielleicht durchaus durch Missverständnisse entstanden. In einer art "Stille Post" wurde irgend eine Geschichte von einer Person zur nächsten weiter erzählt und immer wurden einige subtile Details verändert. Manche dieser Memes wurden aber wohl auch sehr bewusst von Rechten Arschlöchern erfunden. Und das ist wohl die Ironie an der ganzen Sache: Hier haben wir wohl eine tatsächliche Verschwörung: Die Verbreitung von Verschwörungstheorien ist die einfachste Art einer politischen Verschwörung. Also bitte: Setzt euren Aluhut auf ;-) Ja das ist vielleicht die beste Strategie gegen Verschwörungstheorien: Aufzeigen, dass deren Verbreitung möglicherweise selbst eine Verschwörung ist. Heads explode.

Wer nichts mehr glauben kann, muss alles glauben. Konzentrieren wir uns auf das Offensichliche, gut belegbare: Das ist schlimm genug.

Franz Schäfer (Mond), September 2019.

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