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Kennt Lisa Simpson den Schlüssel zu einer anderen Welt?

Kennt Lisa Simpson den Schlüssel zu einer anderen Welt? - Eine kritische Zwischenbilanz

August 2004, von mond


Das ASF 2004 in Linz bot ein sehr ambivalentes Bild für mich. Einerseits tolle Diskussionen, eine Menge wertvoller Vernetzung und Kontakte und beim gemeinsamen Kochen in der Volxküche kommt trotz Regenwetter gute Stimmung auf. Allen ist klar: hier werden nicht bloß Kartoffeln geschält - hier wird an einer anderen Welt gebastelt. Aus Gesprächen mit anderen AktivistInnen entnehme ich dass dieser Eindruck durchwegs geteilt wird. Viele Gruppen und Einzelpersonen aus einem sehr breiten Spektrum an unterschiedlichen Zugängen treffen sich. Das ASF in dieser Form ist eine reichhaltige Nährlösung aus der sehr viel Interessantes entstehen kann und auch entsteht. Wir haben viel erreicht.

Aber der Weg der noch vor uns liegt ist noch weit und in Teilbereichen gab es sogar einige Rückschritte. (So war etwa die Transparenz des Vorbereitungsprozesses durch die relativ autark arbeitende Linzer Vorbereitungsgruppe niedriger als beim ASF 2003.) Der Vorbereitungsprozess des "Plenums der Sozialen Bewegungen" schien, durch die öffentlichen Reflexionsforen, eigentlich recht gut angelegt - das Ergebnis war allerdings alles andere als sehenswert: Außer Allgemeinplätzen und der Entscheidung, dass wir 2005 wieder ein ASF wollen, gab es keine gemeinsame Abschlusserklärung.

Die Ursache dafür war interessanterweise nicht dass es besonders viele Meinungsverschiedenheiten bei der Formulierung der Erklärung gab sondern daran, dass ein Großteil der vorgesehenen Zeit damit verbracht wurde zu diskutieren ob wir denn überhaupt eine Abschlusserklärung brauchen anstatt Punkte zu sammeln die darin vorkommen sollen.

Wenn wir eine „andere Welt“ wollen und den Kapitalismus abschaffen, oder stark zurückdrängen wollen, stehen wir vor einem einzigen Problem: Wir müssen eine Antwort auf die Frage geben können wie dann die Entscheidungen gefällt werden, die heute noch über die Mechanismen des Marktes geregelt werden. Die Entscheidungen der Institution, oder dem Entscheidungsfindungsmechanismus, X zu übertragen ist keine ausreichende Antwort, solange nicht spezifiziert wird wie X aussieht, so dass die von uns gestellten Anforderungen an eine andere Welt erfüllt werden können. Feministisch, anti-patriachal, demokratisch, lustvoll, hierarchiefrei, gerecht, effizient, ökologisch und noch vieles mehr soll entschieden werden. Klar ist dass nie allen Adjektiven gleich gut entsprochen werden kann. Dass eventuell kurzfristige und langfristige Aspekte abgewogen werden müssen und dass natürlich verschiedene Menschen verschiedene Gewichtungen und verschiedene Interpretationen der Adjektive haben werden.... Das Problem ist kompliziert und eine Lösung für fast Niemand 100% optimal.

Dennoch verbindet uns die wir von einer "anderen Welt" sprechen die Überzeugung dass eine Lösung für X existiert die zumindest um vieles besser ist als das was wir jetzt haben. Hunger, Tod, Ausbeutung, Unterdrückung, Krieg, Folter, etc. Bei der Fülle von Mängeln die diese Welt aufweist keine besonders gewagte Hypothese. Vermutlich existieren sogar zahlreiche Lösungen die etwa gleich optimal sind und trotzdem sehr verschieden aussehen.

Vielleicht wurde die Lösung oder ein Ansatz zur Findung einer Lösung bereits irgendwo publiziert. Vielleicht in den Werken von Marx und Engels, von Trotzki oder Gramsci oder.. oder sie kann in der richtigen Interpretation von Bibel, Koran oder Talmud gefunden werden. Vielleicht wurde die Antwort schon in einem der Zahlreichen Workshops auf dem ASF ausgesprochen oder vielleicht in einer Folge der Simpsons.

Egal. Die Kenntnis einer Lösung hilft uns nichts solange wir diese nicht umsetzen können. Solange wir nicht glaubhaft demonstrieren können dass der Ansatz funktioniert. Selbst wenn die Lösung in einer Abschlusserklärung des ASF veröffentlicht worden wäre hätte es sicherlich kaum eine Auswirkung auf die Welt. Niemand würde sie ernst nehmen.

Wir müssen unseren eigenen Entscheidungsfindungsprozess an X orientieren. Die Frage nach guten Formen von Organisation und Entscheidungsfindung kann aber sicher nur in der Praxis gefunden und getestet werden was dort funktioniert können wir dann aber auch glaubhaft der Öffentlichkeit als Beispiel für eine "andere Welt" präsentieren. Der Weg ist das Ziel.

Die Frage ob und warum wir eine Abschlusserklärung erarbeiten sollen ist damit leicht zu beantworten: Die Erklärung selbst ist nicht besonders wichtig. Wichtig ist dass wir uns die Aufgabe stellen gemeinsam eine zu Formulieren. Die Entscheidungen die dabei getroffen werden sind nicht so wichtig wie die Entstehung dieser Entscheidungen.

Damit ist auch klar, dass die Abschlusserklärung natürlich als einen Wichtigen Punkt ihre eigene Entstehungsgeschichte enthalten sollte.

Eines der oben erwähnten Adjektive ist "effizient". Diese Anforderung wird bei den meisten von uns zurecht nicht an oberster Stelle stehen, aber sie kann auch nicht gänzlich vernachlässigt werden: Was nützt es wenn die Verteilung gerecht, ökologisch und perfekt demokratisch ist aber wir alle gleich wenig haben und damit auch niemand zufrieden ist? Eine gewisse Effizienz sollte nicht unterschritten werden. Wenn wir uns also ansehen wieviele Stunden wir verdiskutiert haben um so eine magere Abschlusserklärung zu finden dann sehen wir wie weit wir noch von einer Lösung entfernt sind. (Der Begriff "Effizienz", so wie die anderen Adjektive, bezieht sich dabei natürlich dabei nicht nur auf den Entscheidungsfindungsprozess sondern auch auf das Ergebniss.)

Der Kapitalismus legt die Latte der Effizienz durchaus relativ hoch. Besser nicht ganz so effizient und dafür auch nicht so mörderisch, aber ganz darf die Effizienz nicht ignoriert werden. Andererseits ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass alternative Lösungen weitaus effizienter sind. Das Beispiel der Produktion Freier Software zeigt: Bessere Ergebnisse, zufriedene Arbeiter die sich in freier Assoziation einem Projekt widmen sind keine Utopie. (Ein Jammer dass nicht mehr Leute bei meinem Verschränkungsforum zu dieser Frage waren...) Und wieviel an Ineffizienz ist im Kapitalismus offensichtlich: Das System befriedigt Bedürfnisse die wir ohne dieses gar nicht hätten...etc.. 40% des Pharmaforschungsaufwand werden für Kosmetika aufgewendet, während Menschen an Krankheiten, die schon Länge geheilt werden könnten, sterben....

Eine hohe Effizienz würde insgesamt die Lösung natürlich erleichtern: Wenn genug da ist ist es nicht so schwierig so zu verteilen dass es allen gut geht..

Wie verwandeln wir also das ASF in ein Labor dass, in einer Einheit von Theorie und Praxis, nach optimalen Entscheidungsfindungsmechanismen forscht? Die Frage ob das SF ein eigenes politisches Subjekt ist, ist nicht so besonders relevant, denn die Umsetzung des erzielten kann auch in anderen Organisationen implementiert werden, wichtig ist aber dass wir uns dort zumindest kleinere echte Aufgaben stellen anhand derer wir die Ideen für Entscheidungsfindungsstrukturen testen können: z.b.: eine Abschlusserklärung.

Wichtig ist auch dass wir uns selbst ernst nehmen. Die Regeln die wir uns aufstellen müssen wir selbst befolgen um zu sehen wie sie wirken. Erweisen sie sich danach als unnütz oder schädlich, müssen wir sie jedoch ändern. Allerdings nicht einfach brechen sondern kontrolliert durch Anwendung der Prinzipien die wir bereits haben (oder alternativ derer auf die wir zielen) ändern.

Wir haben z.B. jetzt einen Modus wie Diskussionen moderiert werden. Reissverschlussprinzip und Erstwortmeldung vor Zweitwortmeldung. Das hat sich bewährt, ist akzeptiert und wird daher beibehalten, kann aber bestenfalls ein winziger Baustein in einer anderen Welt sein. Das SF kann nicht auf diesem Level steckenbleiben. Wir brauchen Modi zur gemeinschaftlichen Erstellung von Texten, zur Verteilung beschränkter Ressourcen (z.b. Redezeit auf einer endlichen Demo), wir brauchen Mechanismen für akute Entscheidungen, die aufgrund äußerer Umstände besonders rasch getroffen werden müssen, und wir brauchen Methoden für langfristige Strategieplanungen. etc...

Das SF muss dabei nicht die Welt alleine "retten" aber wir sollten zumindest Labor dafür sein. Fehlen uns die oben genannten Instrumentarien, so macht sich das bei der erstbesten Gelegenheit wieder bemerkbar: Die nächste Anti-Kriegsdemo braucht einen gemeinsamen Aufruftext um Gruppen, die die Demo unterstützen wollen, eine Möglichkeit zu geben zu wissen was sie eigentlich genau unterstützen. Je besser die Methode diesen Text zu finden desto höher die Chance dass der Text gut ist und breite Unterstützung findet und je besser die Chance dass die Demo ein Erfolg wird und wieder vielen neuen Leuten bewusst macht dass wir eine andere Welt brauchen....etc...etc...

Politische Parteien und Organisationen müssen sich überlegen wie sie für Mitglieder Attraktiv sein können. Wie freiwilliges Engagement gefördert wird, die Mitarbeit Spaß macht und Erfolge bringt. Auch hier kann Versucht werden die Modelle der Produktion Freier Software auf andere Bereiche zu übertragen und die Sozialforen können hier ebenfalls Platz für Experimente bieten.

Weiters bietet Praxis auch die Möglichkeit einer wesentlich intensiveren Verschränkung: Diskussionen, in in denen Positionen unwidersprochen nebeneinander stehen bleiben können, motivieren nicht immer dazu, den Widersprüchen auf den Grund zu gehen, während eine gemeinsam zu fällende Entscheidung uns zwingt die Sachen auf den Punkt zu bringen.

Natürlich: Nicht alles lässt sich im Labor testen, vieles kann nur in Feldversuchen erprobt werden. Hier bleibt das SF weiterhin der Raum zum Austausch der Ergebnisse doch ich hoffe es wird in zukünftigen Foren davon ausgegangen werden dass gemeinsame Praxis absolut notwendig ist.

Mond, August 2004

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