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Schlaue KommunistInnen verwenden Freie Software

Sonnabend 6. Oktober 2007, von mond


Warum verwenden KommunistInnen Freie Software wie Linux, Mozilla-Firefox, Openoffice, Gimp, Inkscape, etc, etc, .. ? Einerseits gibt es da die selben Gründe die auch dazu führen, dass Freie Software von Nicht-KommunistInnen und sogar von KapitalistInnen benutzt wird. Freie Software hat viele Vorteile. Sicherheit ist einer davon. Der wichtigste für die KapitalistInnen ist natürlich: sie können sich etwas sparen. Freie Software kommt mittel- bis langfristig billiger als kommerzielle Software. Die Hersteller kommerzieller Software versuchen ihre KundInnen in Abhängigkeitsverhältnisse zu drängen und je enger diese Ketten sind, desto mehr Geld kann ihnen abgepresst werden. (Siehe auch: Vendor-Lockin und die digitalen Wegelagerer) Sich aus den Ketten des Abhängigkeitsverhältnisses zu befreien ist kurzfristig natürlich mit Aufwand und damit auch mit Kosten verbunden. Langfristig macht sich die Freiheit in enormen Einsparungsmöglichkeiten bezahlt. Neben diesen Gründen gibt es aber für KommunistInnen und emanzipatorische Linke noch weitere Gründe die für den Einsatz Freier Software sprechen

KommunistInnen wollen das kapitalistische System überwinden. Die Produktion Freier Software ist ein sehr gutes Beispiel wie es gelingen kann sich Freiräume innerhalb des kapitalistischen Systems zu schaffen, die sich dem Verwertungszwang widersetzen.

Login Screen Freie Software wird in erster Linie nicht desswegen Produziert um sie teuer verkaufen zu können, sondern meist weil damit direkt ein Bedürfniss gedeckt wird. Ein Stück digitaler Subsistenz. Siehe auch: Die Produktion Freier Software als Beispiel für Kooperation statt kapitalistischer Konkurenz. Quasi ein Stück realer Sozialismus innerhalb des kapitalistischen Systmes. Im Gegensatz zum gescheiterten Realsozialismus sowjetischer Prägung nicht mit den selben Fehlern behaftet. Freie Assoziation freier Individuen statt einem autoritären Staat. In diesem Sinne also eher ein Stück realer Kommunismus (Siehe auch: IP-Sozialismus oder doch lieber IP-Kommunismus?). Auch wenn Adorno sagt: "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen". Es gibt diese Freiräume, aber weil sie eingebettet sind in dieses Falsche (kapitalistische), gibt es jede Menge seltsamer Phänomene am Rande dieser Freiräume, dort wo das "Richtige" und "das Falsche" aneinandertreffen. Warum z.B. finanziert ein megakonzern wie IBM freie Software? (Siehe: Die Produktion Freier Software als Beispiel für Kooperation statt kapitalistischer Konkurenz)

Für KommunistInnen ist das Beispiel Freier Software daher ein wichtiges Vorzeigeprojekt: Es zeigt, dass die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise möglich und erstrebenswert ist. Der Erfolg Freier Software gegen kommerzielle Software muss daher allen denkenden KommunistInnen ein Anliegen sein. Entweder man/frau hat nicht verstanden, dass es hier vor unserer Nase diese alternativen Produktionsräume gibt, d.h. man/frau ist nicht denkend, oder man/frau ist keinE KommunistIn, d.h. hält die Überwindung des kapitalistischen Systems für nicht wünschenswert oder nicht möglich. Fazit: Schlaue KommunistInnen verwenden Freie Software.

Daher ist es extrem peinlich wenn Linke mit Micro$oft (oder Mac) Laptops herumlaufen, Word-Dokumente verschicken oder gar Outlook benutzen. Ja der Umstieg ist nicht immer ganz leicht: Die Ketten zu sprengen die die Hersteller kommerzieller, proprietärer Software geschmiedet haben. Aber erstens lohnt es sicht mittel- bis langfristig und zweitens ist es für KommunistInnen und emanzipatorische Linke ohnehin eine Notwendigkeit.

Je mehr Menschen Freie Software benutzen, um so leichter wird es für Alle, denn desto mehr werden Dokumente in Freien Formaten verschickt werden und desto mehr müssen Hersteller von Hardware darauf achten, dass es für ihre Produkte auch Treiber für Linux gibt, desto mehr Leute gibt es die sich schon damit auskennen und ihr Wissen weitergeben können, etc, etc... Wenn 1% der Menschen Freie Software benutzen so haben die es noch relativ schwer. Wenn es 10% sind wird es schon viel leichter. Wenn es 20% sind noch viel leichter. Ab da ist der Weg zu 95% nicht mehr schwer. Freie Software ist dann wichtige Basis für andere Befreiungsbewegungen. Für Freie Netze, für Freies Wissen. etc... Was KommunistInnen hier lernen können: Revolutionen laufen exponentiell ab: was zuerst noch aussichtslos schien weil wir noch klein an der Zahl waren wird oft sehr schnell einfacher und plötzlich geht alles wie von selbst.

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Exponentielles Wachstum
Das selbe exponentielles Wachstum: Einmal in linearem und einmal in logarithmischen Masstab dargestellt.

Exkurs: Exponentielle Entwicklungen, wenn man/frau sie in linearem Maßstab darstellt scheinen einen "Knick" zu haben. Der ist aber blos eine Frage des Maßstabes. Auf logarithmischen Papier gibt es keinen Knick. Wiederlegt das die These vom Umschlagen von Quantität in Qualität? Nicht ganz, denn meist sind auch Effekte erst ab einer gewissen Schwelle merkbar. Die Seerosen im Teich die ihre Fläche jeden Tag verdoppeltn. Am Tag X Füllen sie den ganzen Teich. Am Tag davor nur den halben. 3 Tage davor nur 12.5%. 10 Tage davor nur 0.1%. 20 Tage davor nur 0.0001%.

Viele Linke sind heute der Meinung, dass solche Transformationen der Produktionsweisen, wie sie etwa durch Freie Software oder die freie Enzyklopedie Wikipedia, aufgezeigt werden die Transformation der Gesellschaft möglich ist, dass diese Formen "Keimformen" einer neuen gesellschaftlichen Ordnung darstellen.

"Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind." — Karl Marx, MEW13 S.9

Man fühlt sich auch an Gramscis Konzept der "Passiven Revolution" erinnert. Es Lohnt sich für KommunistInnen jedenfalls genauer hinzusehen was den Erfolg Freier Software oder Wikipedia ermöglicht. Was z.b. motiviert die Menschen an diesen Projekten zu arbeiten? Welche Voraussetzungen sind notwendig? Was auf den ersten Blick an Freier Software als "unrevolutionär" erscheint, dass trotz des emanzipatorischen Kerns eine gewisse "kompatibilität" mit dem kapitalistischen System besteht, erscheint aus diesem Blickwinkel als notwendige Voraussetzung. Nur so ist es möglich, dass "im Schoß der alten Gesellschaft" überhaupt etwas neues "ausgebrütet" werden kann.

Für die kleine Parteien oder NGOs lohnt sich der Blick ganz besonders: Da wir wenig finanzielle Mittel haben sind wir um so mehr auf die Mitarbeit freiwilliger AktivistInnen angewiesen. Zu verstehen was die EntwicklerInnen Freier Software dazu bewegt oft unentgeltlich tätig zu sein und wie die Zusamenarbeit der über den Globus verstreuten EntwicklerInnen funktioniert kann sich als nützlich erweisen um zu verstehen wie wir unsere politischen Projekte organisieren. (Siehe Die AktivistInnenpartei). Ein möglichst genaues Verständnis aller Aspekte dieser Freiräume ist also für Linke unerlässlich. Viele der entscheidenen Kämpfe unserer heutigen Welt werden bereits abseits und unbemerkt von der Mainstreamlinken geführt: Der Kampf gegen Softwarepatene und sonstige so genannte "geistige Eigentumsrechte". Die Szene rund um die Freie Software hat diesen Kampf geführt weil den ProgrammiererInnen unmittelbar klar war wie sehr diese Gesetze die geschaffenen Freiräume bedrohen würde. Von Seiten der Linken gab und gibt es relativ wenig Aktivitäten in diesem Kampf.

Das Know-How, wie man/frau dem Kapitalismus Freiräume abtrotzen kann ist meines Erachtens heute unabdingbar um progressive linke Politik überhaupt denken zu können. Z.B.: Grundeinkommen. (Siehe Grundeinkommen - ’’urkommunistisch’’?). Ohne ein Verständniss für das gesellschaftsverändernde Potentzial, dass durch die ökonomischen Freiräume die ein bedinungsloses Grundeinkommen in ausreichender Höhe schaffen kann verbleibt die Debatte darüber bei einem oberflächlichen Umverteilungsdiskurs: (Siehe Wider den Umverteilungsdiskurs). Use the Source Luke!

Meint euer Franz Schäfer (mond).

Siehe auch: 11 Argumente gegen so genanntes Geistiges Eigentum

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